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Darmstadt

News vom 18.12.2017

Podiumsdiskussion:
Europäische Sportpolitik in den Kinderschuhen

"Europäische Sportpolitik - Beitrag des Sports zur Integration in Europa" lautete der Titel einer Podiumsdiskussion, zu der die DOG-Zweigstelle Darmstadt und die Schader-Stiftung eingeladen hatten. Ein hochkarätig besetzes Podium versuchte Licht in das komplexe Thema zu bringen.

Man kann den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker verstehen, wenn er mehr lebendige europäische Identität ("die Herzen und Köpfe zurückgewinnen") statt Bürokratie für die Bürger Europas fordert. Den vielfältig gut florierenden und populären europäischen Sportbetrieb mit seinen Meisterschaften und Vergleichs-Wettkämpfen organisieren aber die nationalen Verbände oder Kommunen. Die EU wünscht sich eine europäisch-identitätsstiftende Ausbreitung des Sports.

Das Podium

Dr. Andreas Gemeinhardt, Geschäftsführer der Schader-Stiftung, und der Vorsitzende der Darmstädter Olympischen Gesellschaft (DOG), Norbert Lamp, begrüßten die zahlreichen Besucher, darunter die Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid. Ein Trailer mit flotten optischen Sportszenen von Ulli Gasper versuchte die Versammlung auf das Thema einzustimmen.

Moderator Till Lufft (DOG) stellte die Diskutanten vor:
Jutta Prochaska (TU Darmstadt / Kurzreferat),
Dr. Franz Josef Kemper (Ministerium für Innen und Sport des Landes Rheinland Pfalz und Olympiavierter über 800 m 1972 in München) sowie
Prof. Dr. Ralf Kleinfeld (Uni Osnabrück, Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften).

Juristische Schritte und Strategie

Mit kleinen bürokratischen Trippelschritten sucht die EU die Teilhabe an dem vielfältigen Sporttreiben, das sich auf europäischem Boden vielerorts zeigt. Das geschieht sehr langsam, zumal Brüssel zunächst nur juristische Bälle ins Spiel bringt. Im Jahre 2007 entsteht ein Weißbuch mit Vorschlägen für konkrete Maßnahmen und 2009 verändert die Europäische Union durch den Reformvertrag von Lissabon ihr Verhältnis zum Sport in die handelnde Richtung. Durch Artikel 165 stellt sie die rechtliche Grundlage für ein Aktivwerden im Bereich Sport her. Der Zuständigkeitsrahmen beschränkt sich auf unterstützende Maßnahmen, Hilfe bei der Koordination und verpflichtet zu einem "europäischen Mehrwert". Die soziale und harmonisierende Rolle des Sports auf europäischer Ebene wird dort als Teil einer Strategie beschrieben, die das Ziel eines "Europa der Bürger" ausweist. Die Aufgabe ist groß; schließlich treiben 60% der Europäer keinen Sport. Auf der Suche nach europäisch-identitätsstiftender Wirkung wird der Sport als strategisches Instrument definiert, um inklusives wirtschaftliches Wachstum zu erreichen. Auf gesundheitliche und kulturelle Effekte wird hingewiesen. Europa soll bürgernaher werden und der Sport wird dazu als Vehikel eingesetzt.

Was ist konkret passiert?

1995 erlangt der Europäische Gerichtshof erstmals im professionellen Sport eine starke Aufmerksamkeit durch das Bosman-Urteil, das den Profi-Fußballspielern einen ablösefreien Wechsel nach der Vertragsfrist zusichert und die Auslandsbeschränkung für EU-Bürger aufhebt.

Erst seit 2014 gibt es für den Bereich Sport ein eigenständiges EU-Budget. Es werden Förderprogramme, die für körperliche Aktivität werben, durch Erasmus Plus finanziert. Im Rahmen dieses Programms werden auch transnationale Projekte gefördert, die die Partizipation im Sport erhöhen oder Problemen des Sports (Doping, Korruption, insbesondere Wettbetrug oder Gender-Konflikten) entgegentreten. Die Tätigkeit der Union verfolgt vorrangig die Ziele, Förderung der Fairness, die Zusammenarbeit zwischen den für den Sport verantwortlichen Organisationen sowie den Schutz der körperlichen und seelischen Unversehrtheit der Sportler, insbesondere der jüngeren Sportler.

Auf freiwilliges Engagement basierende Strukturen sowie deren soziale und pädagogische Funktion wird Wert gelegt. Laut EU-Arbeitsplan stehen von 2014 bis 2020 insgesamt 14,8 Mrd. Euro zur Verfügung. 2016 wurden 1500 Events mit 10 Mio. Teilnehmern und 35 Partnern durchgeführt. Dr. Kemper weist allerdings darauf hin, dass die Beantragung der Mittel mit Haken behaftet sei. Er spricht von "ungenützten Töpfen", weil bei grenzübergreifenden Projekten z. B. sieben Partner aus sieben Ländern zur Anerkennung einer Förderung notwendig sind. Kemper weiß von Agenturen, die geschäftsmäßige Beratung und Hilfe anbieten, um in den Genuss einer EU- Bezuschussung zu gelangen.

Skepsis der Praktiker

Neue Sportformate der EU werden sich zunächst laut Artikel 165 auf Randsportarten wie Yoga, Tai Chi, Wandern, neue Fitness-Abzeichen und ähnliche innovative Spiel- und Bewegungsformen beschränken müssen. Solange die traditionsreichen Verbände und Kommunen ihre Veranstaltungspalette sportlich und kommerziell verteidigen, kann erst eine neu entstehende Bedarfswelle mithilfe des demografischen Wandels in der europäischen Bevölkerung noch zu schaffende EU-Sportformate zahlreich beleben, so Professor Kleinfeld.

Die EU-Gemeinschaft braucht zur weitläufigen Entfaltung der angestrebten Sportaktivitäten noch einige Zeit. Die integrativen Hilfen im Rahmen der selbst zugeschriebenen Zuständigkeiten geschehen leise und leiden noch unter dem Mangel an Öffentlichkeit. Überhaupt zeigt sich die Presse unsicher im Umgang mit dem Thema Europäische Sportpolitik. Beispiel: Die Darmstädter Podiumsdiskussion, über die hier berichtet wird, fand am 19. September statt. Über die Eröffnungsveranstaltung der Europäischen Woche des Sports "BeActive" (23. bis 29. September) mit europaweiten Aktionen und Challenges herrschte unter den anwesenden sportinteressierten (!) Besuchern nur sehr vage Kenntnis.

Arbeitsrechtliche Konsequenzen beim Einzug einer zweiten Schiene im europäischen Sportbetrieb wurden in der Diskussion nur angerissen. Einige Fragen aus dem Publikum kann erst die Zukunft beantworten.

Walter Schwebel


Das Podium: Dr. Franz Josef Kemper, Jutta Prochaska,
Prof. Dr. Ralf Kleinfeld, Till Lufft