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News vom 26.02.2019

Der weiße Blitz – Sprint-Mythos mit großer Strahlkraft

Heinz FüttererZum Tod von Heinz Fütterer, dem dreifachen Europameister, als Weltrekordler auf Augenhöhe mit Jesse Owens, ein Tausendsassa in Rennschuhen, ein Botschafter der  Leichtathletik - Ein Streifzug durch die Sportgeschichte    

„Die Helden von Bern“? da denkt am an die Fußball-Weltmeister aus Deutschland. Nur wenige wissen: Heinz Fütterer vom Karlsruher SC wurde wenige Wochen nach dem legendären Fußball-Endspiel in Bern Bern schnellster Europäer über 100 und 200 Meter. Der „Weiße Blitz“ wurde zur Legende. Am 10. Februar ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Heinz Fütterer konnte viele Geschichten erzählen. Dies ist die letzten Geschichten, die über ihn zu erzählen sind.

Heinz Fütterer sitzt im Sommer 2018am Swimming Pool seines Landhauses in Elchesheim-Illingen nahe Karlsruhe, mit der Ziehharmonika im Arm spielt er die „Bella, Bella Marie“ und lädt den Zuhörer zum Mitsingen ein. Sein Körper schwingt auffällig mit. Musikalisch öffnet der 86-Jährige die Tür in sein reiches Leben, das eine große Persönlichkeit offenbart, deren Charakter in den bescheidenen (Nachkriegs)Zeiten geprägt wurde und der als „der weiße Blitz“ in die Sportgeschichte eingegangen ist.

Er hält eine von 48 Goldmedaillen, die wenige Tage später bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin verteilt werden, in der Hand, legt sie sich um den Hals. „Ich spüre mit ihr das einmalige Flair der EM“, strahlt Fütterer, „und ich spüre auch die Leichtathletik in Berlin, wie ich sie erlebt habe, die Länderkämpfe, das ISTAF im Olympiastadion“ beginnt er die Replik auf sein Leben.
Eigentlich hatte er den Besuch im Olympiastadion fest eingeplant. „Mein Arzt hat mir aber empfohlen, die Anstrengung nicht auf mich zu nehmen“, bedauerte Fütterer, der Teil einer goldenen Sprintgeneration in den fünfziger und sechziger Jahren war, wie sie die deutsche Leichtathletik nie wieder erlebte: Manfred Germar, Europameister, Martin Lauer, der Hürden-Weltrekordler und Armin Hary, 100 Meter-Olympiasieger in Rom. Es waren die Zeiten, als eine deutsche Sprintstaffel (mit Steinbach, Lauer, Fütterer und Germar) Weltrekorde gelaufen ist.

Fütterer erinnert sich noch genau an den Moment, in denen der „Weiße Blitz“ gezündet wurde: 9000 Zuschauer säumen im Januar 1953 die neue, knallgrün gestrichene Holzbahn im Pariser Palais du Sports, als am Start vier schwarze Sprinter und der nur 1,71 Meter große Deutsche Fütterer im Scheinwerferkegel zum 60 Meter-Finale vorgestellt werden. Der Wirbelwind vom Rhein erobert die Herzen der Franzosen im Sturm und wird zum „Rois du Bois“ (König der Holzbahn). Es ist die Geburtsstunde eines Sprint-Mythos. „Fütterer zuckte durch die Halle wie ein weißer Blitz“, stand hinterher in der französischen Sportzeitung L’Équipe.
Heinz Fütterer wurde im Trikot des Karlsruher SC zu einer Sportgröße, und beim Blick über den Swimming Pool, in dem er täglich seine Bahnen zog, erzählt er ohne Unterlass von den unzähligen Begegnungen mit den Großen des Sports.

Im Herbst 1958 erhält er einen Anruf aus dem Bundespräsidialamt. „Kommen Sie bitte nach Bonn, Sie erhalten das Silberne Lorbeerblatt“, hieß es da am Telefon. „Aber nur, wenn ich mit der Staatskarosse abgeholt werde“, entgegnet der Badener schelmisch. Am Bonner Bahnhof steht tatsächlich die schwarze Limousine. Mit Standarte vorne weg wird er in die Villa Hammerschmidt zum Bundespräsidenten gefahren.  
„Sie sind der Renner, der schnellste von der ganzen Welt?“, staunt der schwäbische  Bundespräsident Theodor Heuss bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes, „I hab net so schnell saue könne“. Fütterers Sprinterfolge sind angesichts der heutigen Übermacht der schwarzen Sprinter kaum mehr nachvollziehbar. Es war Fütterer, der in die Phalanx der US-Sprinter eindrang – und sie besiegte!
1954 ist ein bewegtes Sportjahr für Deutschland. Es ist nicht nur das Jahr des „Fußball-Wunders von Bern“, als Deutschland im Wankdorfstadion beim 3:2-Sieg gegen Ungarn die Nation in Jubelstürme versetzt und damit ein Befreiungsschlag gegen die internationale Ächtung nach dem Krieg gelingt. Sieben Wochen später erlebt Fütterer (s)eine Sternstunde, als er im Neufeld-Stadion über 100 und 200 Meter Doppel-Europameister wird.

„Ich habe wie immer meinen eigenen Startblock mit der Aufschrift ´HF´  mitgebracht“, fördert er im Blick auf seinen großen Garten Kurioses zutage. Seine Spikes sind aus Rinds-, später aus Känguruh-Leder, weil die bei Regenrennen schon wasserabweisend waren. Mit trommelnden Schritten auf regennasser Aschenbahn lässt er seinen Konkurrenten keine Chance. Die Uhren bleiben bei 10,5 Sek. und 20,9 Sek. (Europarekord) stehen. „Heinz Fütterer schnellster Mann Europas“, titeln die Zeitungen, „gegen seinen Katapultstart war kein Kraut gewachsen“, schreibt die Neue Züricher Zeitung. Was würden Reus und Co. für eine solche Schlagzeile geben…                        
Für seine Siege gab es bei der Siegerehrung keine Nationalhymne, sondern lediglich ein paar Fanfarenstöße. Die Disqualifikation der siegreichen deutschen 4x100 Meter-Staffel wurde als Skandal bezeichnet und der antideutschen Stimmung zugeordnet. Die Heimkehr ins Badener Land war dagegen triumphal: „Ich wurde im offenen Wagen von Karlsruhe nach Illingen gefahren“, erinnert sich Fütterer. Er war zum Idol geworden. Das Badenwerk, sein Arbeitgeber, schenkte ihm einen Elektroherd, was wegen der strengen Amateurbedingungen nicht bekannt werden durfte.
Fütteres Augen glänzen, wenn er über den  Höhepunkt seiner Karriere erzählt, die Japanreise im Herbst 1954 mit 25 Rennen in vier Wochen. Der 31. Oktober wird zu einer weiteren Sternstunde des Heinz Fütterer. 40000 Zuschauer im sonnenüberfluteten Stadion in Yokohama sehen den losgelösten 23-jährigen deutschen Wunderläufer. Bis hierher ins Land der untergehenden Sonne hatte er im Koffer seinen eigenen Startblock mitgebracht „Fertigmachen, Ausziehen, verschwitzt steh ich am Start“, erinnert er sich an alle Details, „ich bin explodiert, über die Aschenbahn geflogen, der Schwerkraft entschwunden“. Die Uhren zeigen zweimal 10,2 Sek, und einmal 10,1 Sek. – Fütterer hat im Trommelschritt mit 10,2 Sek. den Weltrekord des legendären US-Amerikaners Jesse Owens, dem vierfachen Olympiasieger von Berlin 1936, eingestellt! 30 Minuten danach läuft er mit 20,8 Sek. noch Europarekord über 200 Meter. Es sind die glücklichsten Tage im Leben des kleinen Sprinters vom Rhein.
Die größte Belohnung folgt zuhause: bei Deutschlands Sportlerwahl wird nicht Fritz Walter als Kopf des (Fußball)Wunders von Bern gewählt – Deutschlands Sportler des Jahres 1954 heißt Heinz Fütterer! Seine Rennschuhe und Medaillen liegen seitdem im Heimatmuseum in Elchesheim-Illingen. Weit mehr wiegen Diplomatie und Völkerverständigung, die sein Weltrekord bewirkt hat.
Heinz Fütteres Leben ist wie ein Streifzug durch die Sportgeschichte. 1956 bei den Olympischen Spielen in Melbourne holt die deutsche Staffel mit Knörzer, Pohl, Fütterer und Germar Bronze, es ist Fütterers einzige Olympiamedaille. Seitdem wohnt Fütterer, der schnellste Kurvenläufer der Welt, in Illingen im Olympiaweg. Er trifft in Australien erstmals Jesse Owens („Er war der Athlet der Athleten“).

Fütterer ist nicht nur in Rennschuhen ein Ass: mit Akkordeon und Mundharmonika ist er eine Stimmungskanone. Der Sport hat ihn zu einem außergewöhnlichen Menschen gemacht. „Wer will nicht schneller werden, um zu gewinnen?“ nennt Fütterer heute wie damals den Antrieb eines Sprinters, er ist auch Motivation zum Betrug. „Ich bin fest überzeugt, dass Usain Bolt nicht gedopt war“, glaubt Fütterer. Bolt habe außergewöhnliche Voraussetzungen wie kein anderer. „Bis 60 Meter hätte ich ihn geschlagen“, ist Fütterer überzeugt, „doch dann hätte der Jamaikaner einen Gang höher geschaltet“. Den deutschen Sprintern wirft er vor, dass sie sich viel zu wenig der internationalen Konkurrenz stellen.

Seinen Abschiedslauf absolviert der weiße Blitz 1958 in der Halbzeit des Fußballspieles zwischen dem Karlsruher SC und dem TSV 1860 München. 30000 Zuschauer bejubeln letztmals die Sprintlegende. Fütterer wirft seine Rennschuhe ins Publikum und wird auf den Schultern seiner Rivalen Germar, Lauer und Co. aus dem Stadion getragen. Fast 600 Siege und drei Jahre unbesiegt – so lautet seine sportliche Bilanz. Sprints von damals waren Sprints für die Nation und die Kameradschaft, heute sind sie fürs Ego der Sprinter. Fütterer legt bei Sepp Herberger, Helmut Schön und Hennes Weisweiler das Diplom als Fußball-Trainer ab, verdient sich seinen Lebensunterhalt danach als Verkaufsrepräsentant eines großen deutschen Sportartikelherstellers.
Auch beim Weißwurstessen auf der Terrasse wird dieser Tausendsassa nicht müde, auf die Veränderungen des Sports einzugehen. Die Begegnung mit Heinz Fütterer wird zur unvergesslichen Erinnerung.
Beim Hallenmeeting in Karlsruhe war Heinz Fütterer jahrelang Stammgast. Dort haben wir uns immer wieder getroffen. Diesmal blieb sein Platz auf der Tribüne leer.

Ewald Walker